Darwin oder doch nicht?


In Irland scheint es gerade einmal mehr einen Wettbewerb um den aktuellen Darwin-Award zu geben. Und das hängt vielleicht auch mit Social Media zusammen. Oder Langeweile im Sommerloch. Oder Dummheit. 

Die Fakten sind haarsträubend: 

Am zweiten Augustwochenende, im Morgengrauen, verwandelte sich eine einfache Fahrt auf der M50 für einen Mann in einen grauenhaften Alptraum. Denn ihm kam, frisch von der Rampe bretternd, ein Geisterfahrer entgegen. Frontalzusammenstoß, neun Menschen teils schwer verletzt. Im Kleinwagen (!) auf der falschen Spur nicht weniger als acht Teenager. Alles Party oder was?

Das vergangene Wochenende dann ein ähnliches Szenario auf der M9 im County Kildare, auf dem Weg in den Urlaub kam vier nichts ahnenden Fahrzeuginsassen um drei Uhr nachts ebenfalls ein Fahrzeug entgegen. Wieder ein frisch von der Auffahrt rasender Geisterfahrer, wieder ein Frontalzusammenstoß. Diesmal nicht so "glimpflich" - aus dem Wrack des falsch fahrenden BMW schnitt die Feuerwehr gleich mal vier Leichen, alles Teenager, anscheinend mit Masken vor dem Gesicht. Das kann man noch toppen, muss der grimme Schnitter gedacht haben, denn als der Abschleppwagen die Reste abholte, fand man beim Wegziehen noch eine fünfte Leiche, dito.

Der Zusammenhang? Neben dem nahezu identischen Unfallhergang und dem Alter der Unfallverursacher wohl eventuell auch ein Trend auf Social Media.

Man filmt sich, während man eine Strasse in Gegenrichtung fährt. Je schneller, desto mehr Klicks. Je mehr panisch ausweichen müssende Verkehrsteilnehmer, desto mehr Trendpotential. Je länger die Strecke, desto ultimativer der Kick. Wobei, wenn fünf Bengel schon kurz nach der Auffahrt gen Hölle absegeln (gen Himmel wird hier ja wohl niemand ernsthaft behaupten), dann war der Kick in der Tat ultimativ, voll in die Weichteile. Man fragt sich, ob es nicht sogar einen Livestream des Sterbens gab. Denn eins ist sicher, die aktuellen Handys überstehen ein solches Szenario besser als abgerissene Nieren, gequetschte Leber, mehrfach punktierte Lungen, zerdrücktes und von der Aorta gefetztes Herz, in der Gegend verteiltes Hirn. Das postmortale Like kommt sicher.

Die Jagd nach der Popularität in der Scheinwelt der asozialen Medien. Eine Hetzjagd auf unschuldige Menschen, die nach dem reinen Zufallsprinzip zu Opfern werden. 

Und da ist dann auch der Vergleich mit dem Darwin-Award fehl am Platz, ich nehme ich zurück.

Denn sich selbst aus dem Genpool entfernen, das kann man doch besser mit einem gestreamten Frontalaufprall gegen eine solide Betonmauer, oder mit einem gewagten Vollgas-Sprung von den Klippen. Da werden wenigstens keine Zufallsopfer eiskalt kalkuliert. Auch wenn die psychologische Belastung für die Rettungskräfte kaum weniger wird.

Apropos Psychologie: Seit ich in Irland lebe, fasziniert mich der irische Umgang mit solchen "Tragödien". Ersaufen zwei Teenager im Dubliner Kanal, weil sie beim Joyriding ungeplant das geklaute Auto zum U-Boot machten, dann lamentiert man: "Es gibt ja zu wenig Freizeitmöglichkeiten!" Das erklärt natürlich die kriminelle Energie zu Autodiebstahl und gefährlicher Fahrweise. Und die Opfer (die ich eher als Täter sehe, denn ihr Handeln begründet ja allein das Geschehen) werden zu Engeln, alle waren sie vielversprechende Stützen der Gemeinde, alle waren sie unschuldige Opfer der Umstände, alle hatten sie eine glorreiche Zukunft vor sich. Selbst wenn sie schon ein fettes Portfolio von Vorstrafen vorweisen konnten, hatten sie nicht gerade erst ihr Leben in den Griff gekriegt, waren auf einem besseren Weg? Offensichtlich nicht ... aber wer bin ich schon, hier zu urteilen?

Ich warte nun auf die Grabreden der fünf Teenager aus dem BMW. Und die Krokodilstränen. Und die übliche Geschwindigkeit, mit der die vier Schwerverletzten aus dem anderen Fahrzeug aus dem kollektiven Bewusstsein verschwinden. Ein Pfarrer meinte ja schon, er werde nicht nur der Totem, sondern "auch" der Schwerverletzten gedenken. Auch ... Vorrang haben die kriminellen Idioten, reingewaschen durch den Tod.

Ich hasse es. Und ja, ich habe auch Angst, selber ein Opfer zu werden. Oder Partner, Freunde, Bekannte betrauern zu müssen.

Illustration: Adaptiertes Bild von Karrmann, Original bei Wikimedia Commons, verwendet unter CC BY-SA 3.0.

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