Plattfuss in Irland
Keine Sorge, ich will hier jetzt nicht ein neues Kapitel des filmischen Schaffens des seligen Carlo Pedersoli (1929-2016) ans Licht zerren. Nein, es geht um die Fährnisse, die ein Autofahrer auf der "Grünen Insel" meistern muss. Und dazu gehört nun einmal der Plattfuss. Nicht der Pes planus, nicht der Hau-Drauf-Held-mit-Herz, nein, der mehr oder minder langsam Luft lassende Pneu.
In den letzten drei Monaten ein Schicksal, das mein Fortkommen gleich dreimal behinderte. Nicht dramatisch, zum Glück, sondern per Anzeige des Computers im Fahrerblickfeld. Prozedur dann jedesmal dieselbe: Optischer Check und "Fussprobe", keine akute Gefahr, also bei nächster Gelegenheit an die Luftpumpe. Den betroffenen Reifen identifiziert, dann den Übeltäter isoliert. Ab zum Dorfschmied, und um Abhilfe ersucht. Was zweimal gut klappte, eine Schraube beziehungsweise ein Nagel hatten die Lauffläche des linken beziehungsweise rechten Hinterreifens durchdrungen, wurden chirurgisch entfernt, das Loch kompetent geflickt.
Gestern aber kam das "Aus!" für einen an sich noch recht guten Vorderreifen.
Denn es war nicht die Lauffläche punktiert, das Loch fand sich in der Seitenwand. Und die kann schlicht nicht langfristig und sicher geflickt werden. Da der Dorfschmied keinen passenden Ersatz im Lager hatte, ließ er sich zum Flickwerk herab, begleitet von mahnenden Worten. Nicht illegal, aber auch nicht wirklich das Mittel der Wahl. Also gestern Abend noch zwei neue Reifen beim Spezialisten in der "großen Stadt" geordert, und heute in aller Herrgottsfrühe montieren lassen. Nach der rituellen Überprüfung der Radmuttern (25 Kilometer nach der Reifenmontage fällig) fährt es sich jetzt wieder mit ruhigerem Gewissen.
Aber warum schreibe ich darüber, ist doch eigentlich Alltag, wenn kein gezieltes Attentat vorliegt, oder?
Stimmt so weit schon, nur ... zum zweiten Mal binnen rund fünf Jahren wurde mir ein Reifen von Irlands Mutter Natur aus dem noch blühenden Leben gerissen. Denn der Verursacher der Perforation in der Flanke war in beiden Fällen ein schnöder Schwarzdorn.
Jawohl, die gemeine Schlehe hat es auf mich, zumindest aber meine Reifen, abgesehen. Scheint es.
Dabei ist das, rational betrachtet, wenig verwunderlich. Ich lebe auf dem Lande, der Weg egal wohin führt über von wuchernden Hecken gesäumte, enge Strassen. Und als Heckengewächs extrem beliebt ist nunmal der langlebige Schwarzdorn. Was in der Blütezeit optisch schön ist. Und was im Spätherbst gelegentlich eine gute Ernte für den hausgemachten "Sloe Gin" und (gewissermaßen als Abfallprodukt) Konfitüre bringt. Heuer nicht, Wetter mal wieder abwechselnd zu trocken oder dann sintflutartig.
Wie auch immer: Hecken werden regelmäßig mit Häckslern geschnitten, sonst ist der Weg bald versperrt. Und dann liegen mehr oder minder grobe Reste auf der Fahrbahn. Und erwischt man einen frisch abgerupften Schwarzdornzweig so richtig falsch mit dem Reifen, biegt er sich seitwärts hoch, und der noch lebenslustige Stachel dringt in die empfindlichen Bereiche ein. Mit Glück nicht wirklich tief, nur in der Oberfläche festgehakt, dann bald durch die Fliehkraft wieder fortgeschleudert. Mit Pech eben bis in den von Überdruck geprägten Hohlraum. Um dann zäh stecken zu bleiben, zur langsamen Luftlosigkeit führend.
Und irgendwann zum Plattfuss.
Was moderne Bordcomputer, bei allem ihrem inhärenten Generve, meist frühzeitig erkennen. Der Druckverlust wird rechtzeitig vor Erreichen der Gefahrenzone gemeldet, man kann Abhilfe schaffen. Wobei der Gang zum Experten, ob Dorfschmied oder Reifendienst, nicht vermieden wird. Denn nur in seltenen Fällen findet der durchschnittliche Autofahrer den konkreten Schadensort am Reifen selbst. Eine blankgeschliffene Schraube sieht man noch, wenn der Reifen günstig steht. Und Reparatur in Heimarbeit? Nein, Danke!
Aber ein Schwarzdorn in der inneren Seitenwand? Der wird so oder so erst bei Demontage und im Wasserbad identifizierbar. Und da das samt Flickwerk bei meinem Dorfschmied binnen einer Stunde vonstatten geht, honoriert mit schmalen zwölf Euro, verbunden mit fachmännischen Hinweisen zum weiteren Vorgehen (und dem neuesten Dorfklatsch) ... das ist mir dann meine Sicherheit schon wert.
Und auch die 210 €, die ich für die neuen Vorderreifen aus chinesischer Produktion zahlte, erscheinen mir angemessen - mit den noch guten koreanischen Hinterreifen zusammen sollen sie ja auch nur rund ein Jahr halten.

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