Mit der Schule ist es wie mit der Medizin

Dieser Tage findet im fernen Itzehoe ein "Jahrgangstreffen" meiner ehemaligen MitschülerInnen statt, die (wie ich auch) 1980 das Abitur absolvierten. Mehr oder minder erfolgreich. In meinem Fall minder, hat aber auch nichts wirklich geschadet. Doch kam bei mir die Frage auf: "Was eigentlich haben mir dreizehn Jahre Schule gebracht?"
Eine Frage, die in Sichtweite der beruflichen Zielfahne "Rente" vielleicht spät aufkommt. Aber auch schon vorher ab und an durch den Raum schwebte. Heute habe ich dann die Zeit gefunden, einmal meine Gedanken dazu in Schriftform zu bringen. Wobei ich vorweg sagen muss, dass ich in den letzten 35 Jahren genau zweimal nach einem Zeugnis gefragt wurde ... ein Verlag in den USA legte Wert auf akademische Bildung der Mitwirkenden und wollte meinen M.A. nachgewiesen haben. Und jetzt will die Rentenversicherung einen Nachweis über die Schul- und Studienzeiten. Ansonsten interessierte es herzlich wenig, ob ich nun in Schönschrift oder Benehmen, in Heimatkunde oder Latein gut, mittelmäßig, oder eben auch mal grottenschlecht war. Schnee und Noten von gestern, vom Gulli geschluckt, ab in die Unterwelt.
Aber dennoch, ebenfalls dieser Tage musste ich altes Schulwissen praktisch anwenden. Um eine Dachneigung zu bestimmen. Heimwerkerprojekt mit klassischer Bildung. Also an einer passenden, weil einen rechten Winkel aufweisenden, Stelle gemessen. Fünf Zentimeter nach oben, zwölf Zentimeter nach rechts. Das macht dann, grob im Kopf, etwas über 40 Prozent. Und eine Steigung von 100 % bedeutet einen Winkel von 45 Grad. Einfacher Dreisatz, der Neigungswinkel des Daches liegt bei um und bei 18 bis 20 Grad. Beides okay, kann noch leicht abgeflacht werden, ergo die Säge grob justiert, und die ersten Schnitte gemacht. Passt, wackelt, hat Luft (letzteres ist wichtig, denn Regenschutz und Ventilation müssen sich hier die Waage halten).
Anschließend die Rechnung nochmal durch den Computer gejagt, okay ... 18,75 Grad wären ganz genau gewesen, aber so fein lässt sich mein Werkzeug ohnehin nicht justieren. Und ein Handwerker meiner Klasse beschuldigt sowieso immer das Werkzeug.
Was das aber jetzt bewies, das ist eine einfache Grundregel: Schulwissen ist auch im Alltag oft noch nützlich, manche Grundlagen sind schlicht wertvoll. Schaun mer mal, was mir dazu noch so einfällt ...
Mathematik und Geometrie? Ja, siehe oben. Und die Sätze von Pythagoras und Thales, Winkelsummen, die Zahl π, Flächen- und Raummessung sowie -berechnung allgemein, auch prozentuale Kalkulationen erweisen sich immer wieder als wertvoll. Das ist eben der Bastler in mir, beruflich brauche ich das äusserst selten. Wobei es für mich zum guten Ton gehört, dass man wissen sollte, dass eine doppelte Kantenlänge eine vierfache Fläche und ein achtfaches Volumen ergibt. Dass ein Liter Wasser einen Kubikdezimeter misst, und ein Kilogramm wiegt, und bei hundert Grad kocht, bei null Grad friert. Dass Luft in höheren Lagen "dünner" wird, der Sauerstoffanteil nachlässt. Da sind wir schon an der Schnittstelle zu anderen Naturwissenschaften, aber das Basisrechnen ist natürlich eine Grundlage eines jeden Lebens. Sollte es zumindest sein. Vor allem, wenn viele Menschen etwa nicht zu begreifen scheinen, dass man nicht mehr Geld ausgeben kann, als man verdient. Zumindest nicht langfristig, oder ohne Konsequenzen.
Physik, Chemie, Biologie? Eijeijei, da wird es holprig. Von Chemie blieb kaum etwas hängen, außer den Sprengstoffmischungen nach Römpp und Raaf. Bei Biologie zumindest ein Basiswissen mit recht gesundem Verständnis der Genetik. Physik wieder eher wenig, zumindest bewusst nicht (siehe oben, für einen "holistischen Ansatz"). Aber ich weiß noch, wie und warum eine Wasserwaage funktioniert, wie man ganz grob einen Schwerpunkt findet, warum der Apfel nicht weit vom Stamm und wieso überhaupt fällt. Und kann (alle Disziplinen mal zusammengefasst) erkennen, dass die meisten Filmszenarien vom Tod im Vakuum des Weltalls Quatsch sind. Aber unterhaltsam. Und erahnen, dass das "Beamen" von Menschen in Star Trek ein ausgemachter Humbug sein muss. Damit stoßen wir aber an ...
Religion und Philosophie (plus Rechtskunde)? Was soll ich jetzt sagen, ohne zu lügen? Religionsunterricht erteilten bei uns Pfarrer mit mehr oder weniger pädagogischer Ausbildung, letztlich lief es immer auf "Glauben" hinaus. Ohne, dass irgend ein alternativer Glauben auch nur ansatzweise ernst genommen wurde. In einer damals noch zu 99 % christlich sozialisierten Schülerschaft wohl kein Beinbruch. Die Philosophie hatte fast dasselbe Problem, auch sie wurde von einem Pfarrer unterrichtet, der beschränkte sich dann auf die alten Griechen und ein paar Römer. Als Alternative gab es noch probeweise Rechtskunde, ein Richter referierte die Grundlagen. Das hat mir mehr gebracht, zumindest ein Grundverständnis. Religion und Philosophie dagegen sind immer noch Bücher mit sieben Siegeln, denn man kann sich zwar die besten Teile herauspicken, aber zum echten Glauben findet man nie. Ist wahrscheinlich auch besser so. Wobei sich mir die Frage stellt, ob Pfarrer, die einen nicht zumindest ansatzweise zum Glauben hinführen, einen nicht inspirieren können, vielleicht im falschen Beruf sind? Und nicht nur die.
Kunst und Musik (oder gar Werken und Handarbeit)? So leid es mir tut, aber bei der Erschaffung dieser Lehrkörper hat der liebe Gott einen schlechten Tag gehabt, irgendwas vermurkst. Neben ein paar handwerklichen Sachen lernte ich hier wenig. Blockflöte, leidlich, um beim Weihnachtskonzert die fluchtunfähigen Insassen des benachbarten Altersheimes zu traktieren. Einige Kunsttechniken im Ansatz. Den verletzungsfreien Umgang mit Werkzeugen. Ansonsten blieb da nichts hängen. Abgesehen von einem Panoptikum eigentlich gescheiterter Existenzen, die vom eigenen Sendungsbewusstsein geblendet es nicht schafften, Schüler mitzureißen, ihnen ihr Fachgebiet als Genuss nahezubringen. Sie wollten Künstler heranzüchten, das frustriert eben mangels Talent der Massen. Nicht Begeisterung erwecken, die reine Rezeption war ihnen viel zu passiv. Dabei hatte Leonard Bernstein mit seinen "Young People's Concerts" längst bewiesen, wie sowas funktioniert. Und bei "1000 Meisterwerke" lernte man in zehn Minuten mehr als in einer Doppelstunde Kunsterziehung.
Aber, Bruch im Fächerkanon, ein irgendwie verwandtes, freiwilliges Fach hat mich wirklich im Leben weitergebracht - Kochen mit Mutter Thiessen! Sollte man als Pflichtfach ansetzen, dachte ich schon damals, denn ohne die zweiwöchentliche Unterweisung in den Grundlagen der Küche (vom Kartoffelschälen bis zum Putzen) kann man niemanden ins Leben entlassen. Doch nun zurück zum Schulalltag, und zur Pflicht.
Sport? Sicherlich notwendig, aber auf Dauer wurde da bei mir weder Interesse noch Talent geweckt, nur eine leicht gebrochene Nase blieb hängen. Und selbst die zweiwöchige Skifreizeit in Tirol, "Rite of Passage" in unserer von Marschen umgebenen Schule, brachte mir nur zwei Erkenntnisse. Zum einen, dass schneebedeckte Berge und gewachste Bretter eher für Suizidgefährdete geeignet sind. Zum anderen, dass Stroh Rum so richtig gut knallt.
Heimatkunde, Erdkunde, Geschichte? Ja, war gut, manchmal zu akademisch ausgerichtet, bei "Gemeinschaftskunde" mir zu viel auf schnöden wirtschaftlichen Gesichtspunkten herumreitend, die "politische Bildung" oft eher dem jeweiligen Parteibuch des Lehrkörpers geschuldet, aber insgesamt blieb etwas hängen. Zumindest der Wunsch, Zusammenhänge zu begreifen. Und die Welt außerhalb der Sichtweite des Kirchturms von St. Laurentius zu besuchen. Wobei ein Diavortrag eines Lehrers zu seiner Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn, oder eines Kollegen zur Saharafahrt mit aufgemöbelten Mungas ... die waren dann subjektiv wertvoller als Exkursionen zu den Chemiewerken in Brunsbüttel. Spannender zumindest.
Deutsch, Englisch, Latein? Zu letzterem kann ich nur sagen, dass ich wahrscheinlich mit Französisch weitaus besser gefahren wäre, auch wenn im Studium mein Kleines Latinum nochmal brutal wichtig wurde. Im Deutschunterricht lernte ich Lesen und Schreiben, unerlässlich, aber später wurde auch die Liebe zur Literatur geweckt. Kurioserweise war dabei der akademisch titulierte und reichlich abgehobene "Alex" mehr dafür verantwortlich, dass ich heute noch vernünftige Briefe schreiben kann. Und der kernige, chaotische, ja psychopathische "Frankieboy" stieß eine Liebe zu Lyrik und Romantik an, auch wenn seine Unterrichtsstunden wenig von beidem (und erst recht keine Liebe) versprühten. Englisch erlernte ich zunächst bei einer Engländerin mit schlechtem Deutsch, ein echtes Gottesgeschenk durch fast "total immersion". Und nach einem ereignislosen Intermezzo bei langweiligen Lehrern erweckte "Kuddel" dann (gekoppelt mit Bildungs- und Urlaubsaufenthalten im Lande) die anhaltende Liebe zu Sprache und Literatur.
Habe ich damit alle Fächer abgedeckt? Ich glaube schon, jedenfalls nach dem Lehrplan der 1970er, moderner Schnickschnack logischerweise ausgenommen. Auch wenn, oh Graus, unser Mathematikunterricht in der Sexta und Quinta fast ausschließlich "Mengenlehre" war - ein Experiment, von Eltern gehasst, von mir in der Rückschau als durchaus wertvoll empfunden. Wer das begriff, den schreckt kein Venn-Diagramm mehr. Und der sieht die Welt oftmals in interessanten Zusammenhängen und Beziehungen.
Was ich aber in der Schulzeit vermisste, das war meist die ganz praktische Seite.
Schön, Aquarelle hinzustümpern war nicht wirklich fordernd, aber eine Wand vernünftig zu streichen, das wäre langfristig wertvoller gewesen. Binomische Formeln fördern sicherlich mathematisches Verständnis, aber eine allgemein verständliche Einführung in Zins und Zinseszins würde manchen Privatkonkurs verhindern können. Und was nützen dem Teenager die Mendelschen Gesetze, wenn er oder sie nicht wenigstens einmal an einer Kerze ein Kondom anbringen durfte? Und dann der Investiturstreit ... welche Relevanz hat der nun wirklich für die nächste Wahl? Dass Bismarck die Sozialversicherung schuf, das ist gut zu wissen, aber wie die Sozialversicherung funktioniert (und warum sie am Rand des Kollaps entlang hangelt), das ist näher am Alltag des künftigen Arbeitnehmers, Arbeitslosen, Behinderten, Rentners. Ebenso wie die Einsicht, dass Steuern und Abgaben erst das Leben auf derzeitigem Niveau sichern, wenn nicht gar ermöglichen. Und dass, wer viel hat, auch viel abgeben sollte.
Aber vielleicht ist es ja heute in den Schulen ganz anders, werden wirklich für das wahre Leben gebildete Jugendliche in die Freiheit der Berufswahl und Karriere entlassen.
Allein, mir fehlt der Glaube ... und den würde mir die geplante Besichtigungstour durch "unsere alte Schule" sehr wahrscheinlich auch nicht schenken. Tote Gemäuer am Wochenende sind ja auch nicht gerade inspirierend. Wie auch immer, das Treffen findet so oder so ohne mich statt. Das hängt mit Kosten zusammen, mit Zeit. Und vielleicht auch mit der Erkenntnis, dass ich die Leute eigentlich gar nicht mehr kenne.
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