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Schnee, Tesla … und ein Hauch von Zen

Noch funkelt sie, die Sonne, glitzert der Schnee … aber wenige Minuten später versank die irische Welt im Chaos. Gut, so schlimm war die „Snowcalypse“ auch nicht, aber still. Man vergisst schnell, wie ruhig die Welt sein kann. Wenn der Mensch ans Haus gefesselt wird. Zugegeben, wenn wie in Tallaght (Dublin) Läden geplündert werden, ein Lidl gar zum Einsturz gebracht wird, dann ist es aus mit der Ruhe.

Auf dem Lande aber, da herrschte eine Schnee-Stille vom Feinsten. Zumindest in unserer Gegend, wo zarte Rauchfahnen aus den Schornsteinen das einzige menschliche Lebenszeichen weit und breit waren. Und selbst das Vieh rechtzeitig in die Stallungen kam, und so nicht verzweifelt auf den Weiden herumbrüllen musste.

Noch sieht man den großen, gelben Ball am Himmel über Cavan …

Stille … das kennen wir ja heute kaum noch. Selbst wenn ich hier einsam im Grübelstübchen sitze und arbeite, dann kommt doch alle Stunde oder so ein Trecker vorbei, hämmert oder sägt ein Nachbar, bellt ein Hund, muht eine Kuh. Aber als wir unter einer Schneedecke versanken (etwa 25 Zentimeter, mit Verwehungen bis zu zwei Metern), da wurde es auch still. Und wenn man dann einfach mal abschalten kann, was heute ja vor allem das physische Losreißen von Smartphone und Unterhaltungsmedien bedeuten, abschalten im elektrischen Sinne vor dem psychischen Abschalten … ja, wenn man das schafft, dann ist die Stille schon beeindruckend. Für manche Mitmenschen vielleicht auch überwältigend.

Und dann, ganz langsam, hört man neue Geräusche. Einen Vogel, der sich auf die Regenrinne hechtet. Skrrr-klick. Ein Batzen Schnee, der vom Ast rutscht. Sssssch-pfubb. Herself meinte dann irgendwann, Kirchenglocken zu hören. Aber irgendwie auch anders. Des Rätsels Lösung? Die Windspiele, die in einem Garten rund 600 Meter entfernt sanft schaukeln. Pling-plinga-bing. Das Knacken eines Holzscheits im Ofen hat dann schon Herzinfarktpotential. Krrr-RACK! Und die Umwälzpumpe der Heizung hört sich fast an wie ein Wasserkraftwerk auf Hochbetrieb.

Man ist, wahrlich, die Stille nicht mehr gewohnt.

Und man kann, wenn man sich ihr hingibt, sie richtig genießen. Wenn man sich von der Technik trennen kann, auch mal einige Minuten ohne Dauerberieselung auskommt.

Während ich so im Stillen still genoss, einen Tee mit Rum an der Seite, kam mir der Gedanke in den Sinn, dass sich der „Fahrer“ des jetzt um die Erde kreisenden Tesla-Roadsters in etwa so fühlen muss. Man erinnere sich – vor kurzem wurde in einer wahnwitzigen PR-Aktion der Weltraumschrott um ein komplettes Auto angereichert. Die irrwitzigen Auswüchse der Privatisierung der Raumfahrt. Und für viele Fans dadurch noch versüßt, dass das Autoradio in Endlosschleife David Bowie spielt. Aber wir wissen doch, „in space, no one can hear you scream„. Also kann auch keiner Bowie hören. Und doch, wir hören ihn doch aus dem All-Tesla, oder?

Womit die Gedanken dann zu dem alten Kōan aus dem Zen-Buddhismus eilen: Wenn im Wald ein Baum umfällt, und niemand ist da, es zu hören, macht er dann ein Geräusch?

Auf den ersten Blick eine ähnliche Relevanz wie das Gleichgewicht verlierende Säcke voller Grundnahrungsmittel im Fernen Osten. Aber bei näherer Betrachtung dann doch ein nachdenkenswertes Conundrum. Wie ein Kōan es ja auch sein soll. Und selbst mit wissenschaftlichen Mitteln nicht unbedingt leicht zu meistern. Denn wir haben es hier mit einer aktiven und einer passiven Seite zu tun, die es zu betrachten gilt. Macht der Baum ein Geräusch (aktiv)? Auch wenn es niemand hört (passiv)? Kann es beim Treffen der Tauben einen Redner geben? Was ist eigentlich ein Geräusch?

Rein technisch ist ein Geräusch ja nur eine Schallwelle, die sich als physische Kraft durch die Luft fortbewegt, die dann irgendwann auf ein Trommelfell (oder Mikrophon) trifft … das dann die Schallwelle in der Rezeption erst in das verwandelt, was wir als Geräusch kennen. So gesehen: Ist niemand im Wald, gibt es auch kein Geräusch. Aber es gibt immer noch Schallwellen, und so kann man wieder sagen, dass der umfallende Baum zwar ein Geräusch erzeugt, oder zumindest die Basis dazu legt, es nur nicht wahrgenommen wird. Schrödingers Katze scheint dagegen eher was für Zen-Anfänger zu sein …

Wieder Gedankensprung zum Tesla in der Leere des Alls – nur, weil niemand lauscht, macht er dann doch ein Geräusch, also sendet Schallwellen aus? Ja, versucht er zumindest. Nur: Wo keine Luft, da kann sich auch keine Schallwelle fortsetzen. Da kann ein Lautsprecher noch so enthusiastisch wummern und vibrieren, alles vergebliche Liebesmüh. Selbst ein Verstärker aus der Werkstatt von Dr. Emmett Lathrop Brown würde nicht einmal ein leises Säuseln erzeugen können. Im All kann einen wirklich niemand schreien hören, denn die Schallwellen dringen nicht voran.

Dass die Musk-Fans darauf bestehen, dass der Tesla Musik macht, liegt an einem Fehlschluss … man kann zwar Musik hören, aber nur auf der Erde, und nur über dem Umweg über Funksignale. So ist dann die Illusion der fliegenden Musikbox perfekt. Zumal die Gemeinde ja durch Popkultur von Star Trek bis Wars darauf getrimmt ist, dass es im All nun doch Geräusche gibt. Phaser brillen, Photonentorpedos plöpsen, Sternenzerstörer wummern, Jagdflieger kreischen. Bei letzteren entweder die Antriebe im Vorbeiflug, oder der Pilot beim Aufprall. In Wirklichkeit würden sich Sternenschlachten für den außenstehenden Betrachter wie ein Stummfilm gestalten. Der Lärm am Tannhäuser Tor würde wahrlich vergehen wie Tränen im Regen. Oder wie keine Tränen in der Wüste, nichts mehr da an Feuchtigkeit, Zeit zu Sterben.

TL;DR?

Macht nichts, ich kann ja niemanden zur Lektüre zwingen, noch weniger zum Nachdenken, und wahrscheinlich fast überhaupt nicht zur Wiederentdeckung der Stille. Also werde ich noch einen Tee ansetzen (diesmal ohne Rum, muss ja noch fahren), ein altes Buch von Tom Sharpe oder eine Ausgabe des Idler in die Hand nehmen, mit dem Hauskater kommunizieren. In Stille.

Jedenfalls nachdem er sein Futter bekommen hat, sonst ist es aus mit der Ruhe!