Modelle und Moral

Auschwitz, das Vernichtungslager, Ort eines der grössten Massenmorde überhaupt … und jetzt als Modell erhältlich. Naja, eigentlich schon seit Jahren, aber nur wenigen Menschen bekannt. Und mit der eindeutigen Absage an menschenverachtendes Gedankengut versehen. Ein Pappmodell des Eingangskomplexes, aus Brasilien, runterladbar vom Papermau blog.

Wie man sieht, an sich weder ein herausforderndes, noch besonders interessantes Modell. Oder? Interessant wird der nüchterne Zweckbau allein durch seinen mörderischen Zweck, nicht durch seine architektonischen Meriten. Und eine Herausforderung mag er für den Bastler nicht sein, durch seine alleinige Existenz jedoch für den Intellekt. Darf man so etwas bauen, ja, darf es so etwas überhaupt geben?

Diese Frage hatte ich schon vor Jahren mal in einem deutschen Modellbauforum zur Diskussion gestellt. Und weckte damit reichlich schlafende Hunde. Einige Modellbauer meinten platt „ja“ oder „nein“, andere sahen es differenzierter, verwiesen auf das wichtige Thema „Kontext“. Auch mein Gedanke, denn das Modell, so wie es dasteht, ist jenseits von Gut und Böse. Erst der Kontext, in dem man es präsentiert, macht es zum potentiellen Problem.

Wie vieles im Leben. Ist ein Leser etwa geneigt, in seiner Freizeit splitternackt, nur mit einer Nazi-Armbinde bekleidet und mit einem Staubwedel im Hintern den Stechschritt zu pflegen, dann soll er das ruhig tun. Daheim. Tut er das vor der örtlichen Schule, verdient er einen kräftigen Tritt, der den Staubwedel im Darm verschwinden lässt. Keine Diskussion nötig, oder?

Interessant allerdings war bei der damaligen Diskussion, dass einige Hobbyfreunde sich gar nicht zum Thema äußerten, sondern das Thema per se einstampfen wollten. Könnte ja zu Kontroversen führen. Und der Link zum Blog wurde dann auch gleich von einem Moderator entfernt, könnte ja auch zu Problemen führen. Eine versprochene „offizielle Stellungnahme“ zu diesem Vorgang gab es nie, trotz Versprechen. Am Ende der Fahnenstange erschien es mir dann so, als ob es Modelle gäbe, die inherent das Böse sind. Was in einem Forum, in dem Nazi-Kriegstechnologie lang und breit zelebriert wird, angesichts eines mehr als Mahnmal gedachten Pappkameraden dann doch verwundert.

Andererseits, und da wurde das längst abgehakt geglaubte Thema für mich dann doch wieder aktuell, im Freistaat Sachsen scheint es Menschen zu geben, denen ein Auschwitz-Modell die Erfüllung eines feuchten Traumes darstellt. Und denen sogar die Erzgebirgische Volkskunst nicht heilig genug ist, um nicht in ihre verquere Weltsicht gepresst zu werden. Kurzum: Mit 18 Monaten Haft wurde dort ein deutscher Bürger, bestimmt ein besorgter, bedacht … der sich das Eingangsportal von Auschwitz als Räucherhäuschen hat bauen lassen. Und das dann auch gleich auf Gesichtsbuch im Weltnetz den Kameradinnen und Kameraden ans Herz legte. Was wiederum insgesamt schon in den Tatbereich „Volksverhetzung“ hineinspielt, und im Zusammenhang mit anderen Postings und Prügeln zu achtzehn Monaten Kerker führte. Bei einem Vorbestraften vielleicht noch ein mildes Urteil.

Als jener Artikel nun in Facebook bei einer Modellbaugruppe verlinkt wurde, hatte ich ein Déjà-vu … denn sofort wurde deutlich, dass für manche Menschen der Link Ruhestörung in der heilen Modellbauwelt war, dass einige Leute so was nicht mal informativ lesen wollten. Dennoch, die Verurteilung des in Hohenstein-Ernstthal vor den Kadi gezerrten Volksgenossen schien einhellig.

Aber immerhin gab es mindestens einen Kollegen, der ihm zur Seite sprang:

Abgesehen von der kruden Geisteshaltung … das Modell ist nicht mal identisch? Nun ja, in Säggsisch mögen sich „identisch“ und „authentisch“ ja vielleicht sogar gleich anhören. Oder es waren einmal wieder Autokorrektur oder Predictive Texting die Schuldigen. Oder die zionistische Weltverschwörung.

Wie auch immer … wer Modelle baut, der sollte sich vielleicht auch ab und an ein paar Gedanken darüber machen, was er da eigentlich nachbildet. Welchem Zweck das Dargestellte in der realen Welt diente. Und wie er sein Werk dann präsentiert. Denn der Kontext, der macht es. Ein Besprechungsraum mit Führerbild etwa mag historisch korrekt sein, für eine öffentliche Präsentation ist es (zumindest in Deutschland) eher ungeeignet. Dasselbe Führerbild unter den Ketten eines T-34 dagegen dürfte kaum die Staatsschützer auf den Plan rufen.

Obwohl, es wurden ja schon deutlich antifaschistische Anstecknadeln wegen ihrer Verwendung nationalsozialistischer Symbole (auf dem Weg in den Mülleimer) zu unerwünschten Dingen erklärt.

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