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Keyser Söze, R. Kelly, und Oscar

Kevin Spacey ist, selbst wenn nur ein Teil der Vorwürfe gegen ihn wahr sind, ein schlimmer Finger. Oder, um es ganz klar zu sagen, ein triebhaftes Arschloch, das sich anderen Menschen sexuell aufdrängt. Müssen wir das diskutieren? Ich denke nicht, auch wenn „im Zweifel für den Angeklagten“ eine komplette Pauschalverurteilung verbietet. Nur: Was für Keyser Söze gilt, das muss auch für die anderen üblichen Verdächtigen gelten. Und da regt sich bei mir ein Magengrimmen, wenn ich an den Oscar denke.

Oscar – wirklich ein Held? Oder auch nur ein schlimmer Finger?

Nicht den Oscar, den Spacey zweimal erhielt … sondern den Oscar Wilde, Irlands Vorzeige-Intellektueller jenseits der zeitgenössischen gesellschaftlichen Norm. Heiß geliebt, und immer gerne als missverstandenes Genie dargestellt. Den man hätte gar nicht einsperren sollen. Nun ja, nach heutigen Gesichtspunkten war der Prozess Regina v Wilde wegen Sodomie sicherlich eine Farce, heute wird man allein wegen homosexuellen Handlungen in keinem vernünftigen Rechtssystem mehr auf die Anklagebank gezerrt, geschweige denn in den Knast gesteckt. Nein, da muss man schon mehr zu tun. Etwa sich auf unwillige Partner stürzen. Oder sich als Pädophiler entpuppen. Spacey tat, so sagen seine Ankläger, mindestens Ersteres. Und wurde deswegen in den Orkus verbannt.

Neulich las ich sogar, dass man „The Usual Suspects“ zwar empfehlen könne, aber die „vergiftende Präsenz Kevin Spaceys“ den Film herunterreiße. Ach? Am Film hat sich doch nichts geändert, oder?

Ist aber mittlerweile die Norm, so scheint es – weicht eine Person vom geraden Pfad ab, wird sein gesamtes vorheriges Leben neu bewertet, wird er (ja, meistens ist es „er“, zugegeben) neu bewertet, teilweise aus der Geschichte gestrichen. „Über den reden wir nicht mehr!“ Ist in Ordnung, verstehe ich – Prinzessin Anne wird sich sicherlich gruseln, die Aufnahmen zu sehen, wie sie beim Diamond Jubilee Concert 2012 unschuldig bei „Two Little Boys“ mitsingt. Und jeder Prominente, der irgendwann einmal die Bühne mit dem Vorzeige-Weirdo Jimmy Savile geteilt hat … kann nur hoffen, dass das nicht dazu führt, dass Teams der Operation Yewtree an der Tür klopfen.

Andererseits … die Hits von Rolf Harris bleiben Hits (auch wenn sie heute kaum erträglich sind), ebenso wie die Glam-Rock-Exzesse Gary Glitters, der später wegen anderer Exzesse in Südostasien reichlich Ärger mit der Justiz bekam. Und Jerry Lee Lewis, „the Killer„, gehört sogar zu den Klassikern des Rock’n’Roll. Obwohl er seine 13jährige Cousine Myra Gale Brown ehelichte, und dann mit 15 schwängerte. Bitte mal auf der Zunge zergehen lassen: Mit 13 geheiratet, mit 15 schwanger. Da kann auch wohl ein R. Kelly nicht mithalten, der jetzt auch wegen (noch weitgehend unbewiesenen) sexuellen Verfehlungen sein fett abbekommt – Spotify hat ihn schon in vorauseilendem Gehorsam aus dem Programm genommen. Paul Francis Gadd und der „Killer“ sind noch drin. Zweierlei Mass mal wieder.

Und was hat das alles mit unserem geliebten Oscar Wilde zu tun? Hatte ich nicht oben gesagt, dass seine Homosexualität kein Thema mehr ist?

Die nicht, aber seine unbestreitbare Ephebophilie und Päderastie … zu unterschieden von der Pädophilie schlicht durch ein fehlendes Interesse am Kind, definiert als Interesse an einem prä-pubertären Jugendlichen, welchen Geschlechts auch immer. Und: Oscar zahlte gerne dafür. Womit wir dann auch heute zwei rechtliche Probleme hätten, die Oscar Wilde vor den irischen Kadi gebracht hätten. Zum einen wegen des Verstoßes gegen die Criminal Law (Sexual Offences) Act 2017, nach der Geldzahlungen für Sex mit Bussgeld belegt werden. Zum anderen wegen des irischen Age of Consent. Ist ein Sexualpartner unter 17, gilt das schlicht als Vergewaltigung. Egal, wie gut der Onkel das gemeint hat. Und Wilde hatte nachweislich 16jährige, wahrscheinlich noch jüngere Lustknaben. Und dafür wäre er dann auch heute noch in den Knast gekommen. Oder zumindest ins Register der Sexualstraftäter.

Wenn wir also Kevin Spacey und R. Kelly aus dem kulturellen Leben drängen, warum lassen wir gleichzeitig Oscar Wilde als tragischen Helden auf dem Podest glänzen? Gewiss, sein literarisches Wirken, seine Bonmots, das alles spricht für ihn. Aber ihre kulturellen (Un-)Taten sprechen auch für Glitter, Kelly, Spacey, selbst Harris. Und die werden wegen ihres tadeligen Lebenswandels jetzt negiert.

Was ich nicht richtig finde. Was mich aber auch zum Nachdenken gebracht hat. Mit der Konsequenz, dass Oscar Wilde künftig nicht mehr ganz so in den Vordergrund gestellt wird. Denn, streng genommen, könnte er für das eine oder andere Missbrauchsopfer auch ein „Trigger“ sein.