In Temple Bar nichts Neues

Das Klischeebild stimmt – relaxte Menschen schlendern auf Kopfsteinpflaster durch Altstadtgassen, die Szenerie bunt, das Wetter nicht übel, der Gesamteindruck „könnte man hingehen, oder?“ Tja, am Sonntagmorgen um Elf ist die Welt selbst in Temple Bar noch in Ordnung. Entwarnung kann für Dublins Partyviertel aber noch lange nicht gegeben werden.

Ganz entspannt in Temple Bar – bevor der Sturm losbricht.

Denn nur wenige Stunden später, so gegen Kaffeezeit, hat sich das angebliche Kulturviertel wieder in die spezifisch Dubliner Variante von Saudumm und Gemurre verwandelt, wo man den Pfützen von Erbrochenem ausweichen muss, wo aus jeder Tür überlaute Musik plärrt, gegen die die von übrig gebliebenen Paddy’s-Day-Hüten gekrönten Touristen in babylonischem Sprachgewirr anbrüllen, wo „Kultur“ die absolute Nebensache ist, die wirklich kulturellen Einrichtungen links liegen und so leer bleiben, wo der traditionelle Buchmarkt sich einmal mehr auf drei Stände mit Ramschware reduziert, wo allein der Irland- und Saufkommerz regiert.

Gut, man muss auch fair sein … nicht nur der Irland- und Saufkommerz, denn Temple Bar wurde schließlich auch von den Ketten entdeckt. Supermacs ist dabei wenigstens noch heimisch. Aber Costa Coffee, McDonalds, Milano (a.k.a. Pizza Express) und Starbucks sind die Dinge, die es dem Touristen in „Auld Dublin“ so richtige heimelig machen. Ich fühle mich an die Qianmen Street im Herzen Beijings erinnert, wo nur einen Steinwurf vom Tiananmen Mitreisende mit Starbucks, KFC und Haagen-Dazs beglückt wurden … während wir in der parallel laufenden Zhubaoshi Street als einzige Langnasen orientalischen Genüssen frönten. So wie die Maslowsche Bedürfnispyramide heute auf kostenlosem WLAN fußt, so will man auch am anderen Ende der Welt seinen Tall Skinny White Latte wie in Seattle, Sidney oder Stuttgart.

Und wenn mich selbst eine Touristenattraktion nicht nur mit absolutem Desinteresse des Personals, sondern auch mit einem heftig Bier-klebrigen Eingangsparkett empfängt, dann lobe ich mir doch die etwas ruhigeren Gegenden abseits dieses Entertainment-Konzentrats. Wo der Tourist noch nicht 90% der Gesamtbevölkerung stellt.

Wobei, die typischen Hen Parties von der Nachbarinsel … sie verblassen in ihrem Schrecken schnell, wenn man einigen Eingeborenen gegenübersteht. Dieses Wochenende in Form einer Truppe Mädels um die Mitte 40, durch Kleidung und Sprache schnell als „Northsiders on the Lash“ identifiziert. Wobei es gar nicht um die geographische Herkunft geht, sondern mehr um den Typus. Mutton dressed as lamb, wie der Brite gerne abwertend sagt. Minirock ohne Strümpfe, auf dass die blau gefrorenen Beine besser zur Geltung kommen. Hochhackige Schuhe, die zwischen Kopfsteinpflaster und Alkoholpegel einen schon beim Zusehen seekrank werden lassen. Gekreische, Schimpfwörter, und eine Bewusstseinstrübung, die selbst mit Komasaufen nicht erklärlich wird, die vermutlicherweise schon chemische Keulen zum Einsatz brachte.

Dublin in the rare auld times? Kulturviertel? Wirklich unentbehrlich für jeden Dublin-Besuch?

Ich bin, wie immer, hin- und hergerissen.

Einerseits kann man ja als Schreiberling zum Thema Dublin das Thema Temple Bar nicht aussparen, kann das Viertel nicht einmal komplett runterreißen. Denn Temple Bar bietet letztlich nur das, was der Tourist erwartet, was er oder sie will, womit die Masse der Leute sogar glücklich wird. Sei es eine vom Alkohol beseelte künstliche Glücksphase, sei es die vom Marketing vorbereitete Illusion, hier das „richtige Irland“ oder das „echte Dublin“ zu erleben. Alles unbenommen … die Leute gehen, wenn sie es nicht übertreiben, zufrieden nach Hause. Erwartungen erfüllt, Klischee abgehakt, Kopf schwer, Kasse leer.

Andererseits – nein, unter wirklich empfehlenswert, unter unverzichtbar rangiert Temple Bar bei mir schon lange nicht. Weswegen das Partyviertel in meinen Reiseführern zwar prominent auftaucht (muss sein), aber auch mit dem einen oder anderen Caveat versehen wird. Mich selbst wird man dort allenfalls sehen, wenn es der Beruf erfordert, wenn eine interessante Ausstellung gezeigt wird … oder wenn ich Heißhunger auf eine gute Pasty habe. Ja, es gibt die guten Aspekte an Temple Bar, zugegeben, aber den Hype rechtfertigen sie nicht.

Ein Bierchen kann man woanders besser, ruhiger, und vor allem auch billiger genießen. Und nach der dritten bis dreiundzwanzigsten Version des „Wild Rover“ oder von „Whiskey in the Jar“ kann man das Zeug sowieso nicht mehr hören.

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