Die windige Wintersonnenwende von Newgrange

Immer kurz vor Weihnachten ist es so weit … alle Welt (oder zumindest die Ausgesuchten) pilgert nach Newgrange, um dort den atemberaubenden Sonnenaufgang in der inneren Kammer zu bewundern. Gut, beim vorherrschenden irischen Wetter um die Zeit kann man sich auch eine DVD reinziehen, hat mehr Nährwert. Aber die Mystik bleibt: Newgrange und Wintersonnenwende, unsere astronomisch begabten keltischen Urväter sprechen zu uns.

Oooops … keltisch? Das war wohl nix – kein Mensch weiß, wer Newgrange erbaut hat. Aber die Kelten waren es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht, denn sie kamen wohl erst einige hundert Jahre nach der Fertigstellung auf die Insel. Oder zumindest die „keltische Kultur“ kam, ob eine Invasion stattfand, das ist zumindest unter Archäologen nicht mehr als tragbare These wirklich noch aktuell. Und wenn man ganz ehrlich ist … wie weit es mit den astronomischen Kenntnissen und baulichen Fertigkeiten der als vorkeltisch geltenden Bewohner Irlands her war, das ist auch unsicher. Denn Newgrange ist, das wissen nur wenige Besucher und Verehrer, kein Original.

Der heutige Bau, Touristenmagnet Nummer Eins im Dubliner Hinterland, ist eine (teilweise gewagte) Rekonstruktion unter Einbeziehung von Originalteilen. Die in Expertenkreisen immer wieder für Unruhe sorgt. So sehr, dass sogar die Irish Times sich in einem Anfall von Tourismus- und Mythenschädigung zu titeln bemüssigt sah “Newgrange got new lease of light and life in 1960s ‘rebuild’.

Lorna Siggins begann ihren Artikel mit den folgenden, etwas verwirrenden Worten:

On the eve of the winter solstice celebration, several leading Irish archaeologists have discovered that a controversial reconstruction of Newgrange passage tomb four decades ago led to the accidental detection of its key feature – the roof box.

Ich bin irritiert – warum braucht es führende Archäologen, um zu entdecken, was bei der Rekonstruktion passierte? So lange ist das ja nun alles nicht her. Immerhin noch im Rahmen der Jetztzeit, und in Bild und Schrift ausgiebig dokumentiert. Die Erleuchtung (oder zumindest eine Andeutung, um was es eigentlich geht) kommt im Laufe des Artikels. Fette Hervorhebungen von mir:

The box, a 25cm-high opening which captures the dawning sunlight on the shortest days of the year, was only found during the rebuilding, according to a new book by Boyne Valley archaeologists Geraldine and Matthew Stout.

Ironically, the rebuild of the tomb by the late Prof MJ O’Kelly of University College Cork might never have been permitted under today’s archaeological standards.

The rebuild involved some ‘liberties’ with several key features – including the roof box, the authors note. However, examination of drawings and records kept by the Prof O’Kelly shows a ‘transparency’ in the nature of his decision-making.

In 1967 he made the first observation of the mid-winter ‘solstice phenomenon’ which would make Newgrange the best-known of all the world’s megalithic tombs due to its alignment, the authors noted.

This was after the dismantling and replacing of the box under Prof O’Kelly between 1964 and 1967, during which slight changes turned it into a ‘narrow passage’.

The quartz wall surrounding the passage tomb which was erected between 1967 and 1974 was also based on Prof O’Kelly’s interpretation, rather than documentary evidence, the authors note. One Danish archaeologist has even questioned whether a quartz wall ever existed.

Was sagen die Autoren hier eigentlich wirklich? Kurzgefasst: Wir können nicht sagen, ob O’Kellys “Wiederaufbau” von Newgrange überhaupt historisch korrekt ist … aber wir können immerhin feststellen, dass seine Entscheidungen transparent sind. Ergo steht und fällt das gesamte Wintersonnenwende-Wunder von Newgrange mit O’Kellys Interpretation der vorgefundenen Trümmer, und seiner interpretativen Puzzlearbeit an selbigen. Und beide der wichtigsten Punkte, die Newgrange haushoch über die Masse der Megalithgräber erheben, sind letztlich lediglich auf O’Kellys Interpretation zurückzuführen!

Da wäre zum einen das beeindruckende Äußere von Newgrange, die blendende Quartzverkleidung rund um den Tumulus (in die brutal ein dem Tourismus förderlicher schwarzer Eingang geschnitten wurde). Man hat rund um Newgrange diese Quartzsteine gefunden, stimmt. Dass sie jedoch als “Verkleidung” dienten, dass ist eine reine Interpretation der Neuzeit. Wie auch das “Muster” durch einige dunklere Steine. Im nahen Knowth hat man auf solche Extravaganzen verzichtet, die dortigen Quartzsteine bilden eine reine Umfassung am Boden. Statisch weniger kompliziert und durchaus beeindruckend. Was kaum bekannt ist: Die weiße Mauer von Newgrange hat nur durch modernste Baumethoden überhaupt Stabilität bekommen.

Aber es geht ja nicht nur um Äusserlichkeiten. Denn das, was Newgrange in die Nähe der Kulturdenkmäler zum Beispiel des alten Ägypten setzen soll, das ist die astronomische Komponente. Der Eingang weist zum Sonnenaufgang nach der Mittwinternacht. An sich schon Ausrichtung genug, oder? Aber plötzlich entdeckt Professor O’Kelly dann, dass durch die Dachluke das Licht durch den engen Gang bis in Zentralkammer fällt. Hurra, wir haben die Ägypter geschlagen …

Nur: Lesen Sie nochmal die Zitate oben. O’Kelly machte diese Entdeckung erst, nachdem er das Originalmonument zerstört, und mit seiner schon verändernden Rekonstruktion begonnen hatte. Wer sagt uns, dass hier nicht der Wunsch der Vater des Gedankens war? Oder ganz klar gesagt: Besteht die Möglichkeit, dass O’Kelly das gesamte Lichtspiel in Newgrange schlicht erfunden, aus bestehenden Bauteilen zurechtgebastelt hat? Ist Newgrange also nur ein pseudo-wissenschaftlich untermauerter Fake? Erstellt, um ein hibernophiles und -zentrisches Weltbild zu stärken … und auch die Touristen anzulocken?

Als Professor O’Kelly Anfang der 1960er an Newgrange erstmals herantrat, sagte er zum Thema Augrabungen zu einem Kollegen: “I feel that it will probably be very dull.” 1967 dann ist plötzlich eine mystische Dachluke mit einer faszinierenden astrologischen Ausrichtung da … auf dem Höhepunkt der Hippiekultur, als Scott McKenzie sein “Saaaaaan Fraaaaan-cisco” trällert. Ich will ja nun nicht behaupten, dass da ein unmittelbarer Zusammenhang besteht, aber nachdenkenswert ist es schon. Und im selben Jahr fing auch Spyridon Marinatos in Akrotiri mit der Ausgrabung an – was die Insel Santorin für immer mit dem Atlantis-Mythos verband. Eine Ausgrabung, die O’Kellys very dull Gebuddele in Meath in tiefsten Schatten hätte stellen können, wenn da nicht, welch Glückes Geschick, der mystische Sonnenaufgang dazugekommen wäre.

Und davon abgesehen war 1967 auch zufälligerweise das “Internationale Jahr des Tourismus”. Ein Schelm, der etas Böses dabei denkt …

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