Deadline, Mon Amour!

Jedesmal könnte ich mich köstlich amüsieren, wenn Leute über zu knappe Zeitvorgaben stöhnen. Also, nicht wenn die Zeitvorgaben offensichtlich utopisch und nicht zu schaffen sind. Aber wenn der plötzlich unter Zeitdruck stehende Mensch es selbst versaut, dann ist mein Mitleid klein. Ich selber liebe Deadlines, Abgabetermine, Redaktionsschluss. Denn dabei weiß man, woran man ist! Leider begreifen viele Auftraggeber nicht, dass diese Termine auch für sie gelten.

Der klassische Fall: Man vereinbart einen Abgabetermin am, sagen wir mal, 30. April … und am 1. des Monats fragt der Auftraggeber schon leicht drängelig, ob man denn schon fertig sei. Kein Aprilscherz, der meint das ernst. Und man fragt sich, wie und warum der Mensch denn nur auf diesen dünnen Ast gekommen ist. Abgabetermin in 29 Tagen, was ist daran nicht zu verstehen? Wenn es früher klappt, prima. Aber dieses ewige Nachgefrage ist nun wirklich unnötig. Bei mir zumindest.

Wie gesagt, ich liebe eigentlich solche Termine. denn mit ihnen baue ich mir mein Gerüst der zu erledigenden Arbeiten auf. Fließband geht nun mal nicht im kreativen Bereich. An manchen Tagen klappt schlicht gar nichts, und man zieht sich am besten mit einem Buch zurück, oder macht einen Ausflug. An anderen Tagen dann küsst einen die Muse, es läuft wie am Schnürchen, ein langer Text wird in einem Stück und zu 99% druckreif runtergeknallt. Und wenn man sich als Freiberufler im Griff hat, dann weiß man auch recht gut, wie man selbst Struktur und Disziplin in den kreativen Prozess bringt, wie man zumindest seine eigene Zeit und Arbeit so organisiert, dass ein annehmbares Produkt ohne Stress termingerecht entsteht. Wobei das Vereinbaren von Terminen eine Kunst ist, die man auch lernen muss. Zumal das eine oder andere Mal auf die Frage „Kannst Du bis …“ die Antwort „Nein, aber bis …“ folgen muss. Realismus und auch ein Rettungsschirm (also etwas zeitliche Luft nach hinten) müssen jeden Termin bestimmen. Und dann muss sich der Freiberufler nur noch selbst am Riemen reißen.

Alles ganz schön, aber wenn man als Kreativer in die Mühle eines keineswegs kreativen Umfelds gerät, dann kollidieren Welten. Ich erinnere mich da an meine Zeit in der Pressestelle einer deutschen Behörde …

Damals in Stuttgart – haariger „Redaktionssachbearbeiter“ und Praktikant ohne Glatze …

Allein mein chaotischer Ordnungsstil („Ordnung“ hat da einen eher beschreibenden Charakter, denn das System bestand ausschließlich aus meiner Erinnerung, wo A, B oder C zuletzt abgelegt wurden) muss der Beamtenseele ein Graus gewesen sein, ebenso mein insgesamt doch als „respektlos“ zu nennendes Auftreten. Im Sinne von „Respekt muss man sich verdienen, der kommt nicht per Titel!“ Leute, die Kraft ihres Amtes meinen Kotau erwarteten, wurden immer sehr enttäuscht, wenn ich sie genauso wie die gerade gestartete Auszubildende behandelte.

Was jedoch meinen damaligen Chef, den Pseudo-Liberalen, wirklich regelmäßig an den Rand des Wahnsinns trieb, das war eben mein Verhältnis zu Abgabeterminen. Das ewig wiederkehrende Szenario: Er kommt an meinen Schreibtisch, bestellt eine Rede des Geschäftsführers, Thema X, zu halten da und dort, Termin dann und dann, Abgabe drei Tage vorher. Ich sage „Okay!“, mache mir ein paar Notizen, und dann den Rest der Arbeit weiter.

Prompte Reaktion: „Das ist wichtig, das ist für den Herrn Geschäftsführer, das muss klappen, machen Sie sich gleich dran!“

Ich daraufhin … ein Nicken, und dann erstmal einen Kaffee holen. Und, wenn gerade nichts anderes anlag, einen gemütlichen Gang in die Bibliothek. Oder Spaziergang ums Gebäude. Oder was auch immer. Aber keine hektische Arbeit am jüngst gelandeten Auftrag. Das Ganze begleitet von misstrauischen Blicken. Und nach spätestens einem Tag Nachfragen, ob ich denn schon. „Ich arbeite dran, keine Sorge, Termin in X Tagen klappt auf jeden Fall!“

Amen in der Kirche?

Drei Tage vor Abgabetermin wurde ich wie üblich vor den Chef-Schreibtisch beordert, inquisitorisch (und möglichst mit Zeugen) nach meinem Fortschritt befragt. Den ich dann meist mit einer Floskel wie „so gut wie fertig“ oder „ich feile nur noch an einigen Formulierungen“ beantwortete. Und dem Ritual war nicht genüge getan, wenn der Chef dann nicht sagte, mit leichtem Triumph in der Stimme, und einem ominösen Blick zum „Zeugen“: „Dann holen Sie mal alles her, was sie haben, und ich gehe schon mal über Ihren Entwurf drüber …!“ Der nächste Tanzschritt in diesem Ballett? Ich hole eine Ablagemappe mit, wenn es hoch kam, ein paar Fotokopien aus diversen Quellen, in der Regel aber nur handschriftlichen, fast unlesbaren Notizen. In Fetzenform. Teilweise auf der Rückseite von Altpapier. Kopfschütteln des Chefs, gemurmelte Drohungen, Lamento über meine Arbeitsdisziplin.

Und dann?

Am Abgabetermin knallt dem Chef ein komplettes, sauber getipptes Manuskript nach dem Morgenkaffee auf den Tisch. Und weil ich ja so umsichtig bin, habe ich eine weitere Kopie schon vor dem Morgenkaffee direkt im Büro des Geschäftsführers abgegeben. Was natürlich eine Überarbeitung durch meinen direkten Vorgesetzten etwas problematisch machte. Oder zumindest deutlich nachvollziehbar. Also nur wieder gemurmelte Prophezeiungen, dass ich mir so mein eigenes Grab und so weiter … bis dann aus dem Büro der Geschäftsführung fast regelmäßig ein „Dankeschön, sehr gut!“ kam, ab und an auch die Bitte, den einen oder anderen Punkt noch mehr herauszustellen. Und ich irgendwann zum Redenschreiber der halben Behörde avancierte.

Das eigentliche Problem war der komplette Kontrast in der Arbeitsweise, die mein Chef erwartete, und der, die ich pflegte.

Er war ein Handwerker, ein Struktur-Fanatiker, sammelte Fakten, vor allem Statistiken und andere Zahlen, ohne Ende und machte daraus seine ersten Entwürfe. In den nächsten Stufen quälte er sich dann Füllwörter ab, die aus dem Datenwust einen Text machten. Nicht unbedingt einen lesbaren, denn als Meister der lobhudelnden und servilen Formulierung neigte er nicht zu inspirierten (oder gar inspirierenden) Höhenflügen. Seine Texte waren wie eine Verlesung des Wetterberichts anno 1965, faktisch korrekt und kaum zu kritisieren, aber mehr notwendiges Übel denn Genuss. Geschäftsberichte waren sein Metier.

Ich dagegen ließ die Texte in mir reifen … was er als „faul herumsitzen“ ansah, das war geistige Arbeit, Komposition. Und brachte, in aller Bescheidenheit, bessere Resultate. Zugegeben, nicht unbedingt bei den Fakten. Schon Mark Twain wusste, dass schnöde Fakten nicht einer guten Geschichte im Weg stehen sollten. Faktisch belegen lässt sich das angebliche Twain-Zitat ironischerweise nicht. Ist aber auch egal, denn in meiner Philosophie heißt es nur, dass ein an sich guter Text durch Überfrachtung mit Daten und Fakten unlesbar werden kann. Gewiss sollte man alles nachweisen, belegen können, aber man muss nicht eine dröge Lehrstunde aus der Eröffnung eines kalten Buffets machen.

War ich besser als mein Chef? Garantiert nicht, ich kenne meine Grenzen. Nur war er auch nicht besser als ich. Unsere Arbeitsweisen unterschieden sich wie Tag und Nacht, unsere Art der Sprachverwendung klaffte in Dimensionen des Grand Canyon auseinander, unsere Endprodukte waren nie und nimmer austauschbar, nicht einmal ansatzweise kompatibel. Ideal wäre eine Kooperation gewesen, zu einem gemeinsamen Endprodukt. Aber … egal!

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