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Das gescheiterte Neue Jerusalem

Wenn es eine Stadt in Deutschland gibt, die eine ganz eigene Faszination auf mich ausübt, dann ist es das westfälische Münster. Nicht erst, seit dort Thiel und Börne wirken, und Wilsberg den Kontrapunkt setzt. Beides gute Serien, unbenommen, aber die eigentlich Skurrilität der Universitäts- und Fahrradstadt besteht für mich darin, dass hier das „Neue Jerusalem“ war. Dessen blutiges Ende auch heute noch demonstrativ das Stadtbild krönt. Religion in Münster, das ist so ein Thema für sich …

Denn die erzkatholische Enklave wurde vor ihrem Krimi-Ruhm vor allem durch religiöse Themen oder Personen in das Rampenlicht gezerrt. Dagegen verblasst sogar der Westfälische Friede, hier abgeschlossen, der den verheerenden, ja mehr denn verheerenden, Dreißigjährigen Krieg beendete.

Denken wir an Jan van Leyden (1509-1536), der sich hier zum Herrscher aufschwang, ein religiöses Terrorregime errichtete, an dem sich ISIS ein Beispiel hätte nehmen können. Und der scheitern musste, weil er gegen den Rest der Welt antrat, nur auf seine Mission vertrauend. Oder einfach größenwahnsinnig. Der schlussendlich auf brutalste Art hingerichtet wurde. War dem Fürstbischof und den braven Bürgern nicht genug, der verstümmelte Leichnam des Jan wurde mit zwei Konsorten in Eisenkäfigen über der Stadt zur Schau gestellt. Wind, Wetter und Raben haben Jans sterbliche Überreste längst beseitigt, die Käfige mahnen nach fast 500 Jahren immer noch. Immerhin … mittlerweile hat man dem Wiedertäufer-Führer ein Denkmal gesetzt, etwas irritiert blickt er auf seine zerborstenen Insignien, seine nie ganz Wirklichkeit gewordenen Pläne für das von ihm ausgerufene „Neue Jerusalem“.

Ihm zur Seite zwei weitere Gestalten aus der Vergangenheit … die Karmeliternonne Edith Stein (1891-1942), als Jüdin geboren und deswegen in Auschwitz vergast, und der Bischof Clemens August Graf von Galen (1878-1946), der als einer der wenigen Kirchenführer öffentlich gegen den „Führer“ und seine Schergen wetterte, als „Löwe von Münster“ bekannt geworden. Deutsche Geschichte in ihrer ganz eigenen, irrsinnigen Selbstvernichtungstendenz.

Vernichtet wurde Münster selber nicht nur unter den Wiedertäufern, sondern auch im Zweiten Weltkrieg erneut durch Bomben … im Rahmen der alliierten Idee, den Widerstand und die Moral durch Flächenbombardements ziviler Ziele zu brechen. Kriegsverbrechen? Oder heiligte der Zweck einmal mehr die mörderischen Mittel? Wie auch immer, Münster rangiert unter den meist zerstörten Städten Deutschlands, mehr als neunzig Prozent der Innenstadt wurden platt gemacht. Ohne Rücksicht auf Verluste.

Merkt man heute kaum noch, denn Münster wurde wieder aufgebaut. Gott sei Dank nicht im Stil des Brutalismus, sondern weitgehend sinnvoll und im Altstadtbereich recht einfühlsam. So kann man heute auf Kopfsteinpflaster durch ein „mittelalterliches“ (im Sinne von Karfunkel-Lesern) Stadtbild schlendern. In Ruhe. Wenn einen nicht ein Radfahrer umnagelt, denn die Universitätsstadt wird von den Pedalrittern regiert. Nirgendwo in Deutschland hat man wohl eine bessere Chance, einen Verkehrsunfall „a la Pays-Bas“ zu erleben, Verkehrsschilder sind hier nur Vorschläge, Verbotsschilder oft Scheuklappen-gefiltert.

Und sonst? Nun, viele Studenten sorgen für viel Trubel, und gemeinsam mit dem aus dem gesamten Umland einreisenden Einkaufsvolk, sowie einer erklecklichen Anzahl Touristen (für die auch Tatort- und Wilsberg-orientierte Stadtrundgänge angeboten werden) halten sie reichlich Gastronomiebetriebe am Laufen. Wer also nicht mehr laufen mag, der findet immer ein Ruheplätzchen. Uns hat das MarktCafé direkt am Domplatz sehr gut gefallen. Und in Münster ist es dann auch Pflicht, irgendwo eine Bier-Bowle zu probieren.

Hier nun eine kleine Bildauswahl, sozusagen Münsteraner Stadt-Impressionen, alle vom Mai 2017:

Wenn man in Münster weilen will, kann das teuer werden … etwas außerhalb ist es billiger, und keineswegs schlechter. Mein Tipp ist das Hotel zur Davert in Amelsbüren, kein Schicki-Micki-Kasten, sondern eine solide, ruhige Unterkunft. Mit sehr guter Speisegaststätte im Erdgeschoss. Und wenn einen der Hunger in Münster selber packt, der Ratskeller mit dem Restaurant Pfefferkorn bietet Business-Lunch schon für einen Fünfer, und an Qualität wie auch Menge wird da nicht gespart!

So, genug der Worte – Münsters kurzer Ruhm als „Neues Jerusalem“ allerdings rief mir einen alten Titel von Carly Simon wieder in den Sinn, „Let the River Run„. Stammt aus „Working Girl„, eine Romanze der 1980er, die den Zeitgeist einfängt wie „Miami Vice“ es weiter südlich tat. Und Carly trotz 80er-Frisur einen Oscar einbrachte. Verdient, denn das Lied ist heute noch genial. Bitteschön …