Das Diorama des Todes

Normalerweise sind Dioramen ja eher entweder a. martialisches Gemetzel, oder eben b. eine ideale Idylle. Gerade zivile Modelldarstellungen lassen gerne die unliebsamen Seiten des Alltags weg. Ganz im Gegensatz zu einem Diorama, das ich bei der Royal Ulster Winter Fair im Dezember 2017 entdeckte. Hier hielt der Grimme Schnitter reiche Ernte auf einem typischen Bauernhof …

Erster Blick: „Oh, ein Diorama!“

In Auftrag gegeben hatte das Ganze Northern Ireland Electricity Networks Limited (kurz NIE Networks), denen normalerweise die Strom-Infrastruktur in Nordirland untersteht. Die also kreuz und quer durch das Land Stromleitungen laufen haben. Und mit diesen immer wieder unliebsame Überraschungen erleben. Gerade auf dem Lande, wo man schon mal mit dem Bagger die Hauptleitung kappt, mit dem Trecker den Strommast unterpflügt, oder auch mit 38 Verlängerungskabeln Strom zum Stall bringt. Kurz gesagt, Kurzschluss und andere Dinge verursachen jenseits der Stadtgrenzen Unfälle, teure Reparaturarbeiten, und so manche Beerdigung.

Das hat sich NIE Networks zum Anlass genommen, ein ganz besonderes Diorama zu erstellen. Das nur auf den ersten Blick die ländliche Normalität der Britains- und Siku-Freunde widerspiegelt, die sonst eher gepflegt wird. Je näher man an das Diorama herangeht, je länger man es betrachtet, desto mehr stellt sich ein doch eher ungutes Gefühl ein.

„Irgendwas stimmt da nicht …“

Also mal die nette Dame am Stand gefragt … und in der Tat, der Hintergrund des Dioramas ist bitterer Ernst. Ähnlich wie die „forensischen Puppenstuben“ der Frances Glessner Lee soll das Schaustück auf die Gefahren aufmerksam machen, die ein Bauernhof so in sich birgt. Und die man, menschliche Natur, ignoriert und verdrängt. Weil, klappte doch schon immer. Bis es dann eines Tages nicht mehr klappt, und der Sargdeckel zuklappt.

Die Leute von NIE Networks haben sogar einen Wettbewerb daraus gemacht, fordern Betrachter auf, all die Probleme zu finden. Wobei einige mit dem groben Pinsel, andere mit ganz feinem Stift dargestellt sind. Unterm Strich aber ist das Diorama dann schon fast „50 Shades of Death„, denn man kommt mit dem Entdecken der fatalen Situation kaum noch nach, wenn man etwas genauer hinsieht.

Im Detail zeigt sich die Nähe des unerwarteten Dahinscheidens …

Allein im linken Bereich des Dioramas kann man sofort folgende potentiell letale Szenen erkennen:

  • Im Bereich um die Kuh mit Kalb hantiert ein Mann mit Kettensäge, füttert ein Mädchen einen Esel, geht ein anderes samt Hund auf das Muttertier zu – alles die Idealsituation, um die Kuh in Panik zu versetzen. Mit der eigenen Säge zerteilt, vom Horn aufgespießt, in den Boden getrampelt … Freund Hein grinst.
  • Auf den locker gestapelten Silageballen wird ein Picknick abgehalten, während noch gestapelt wird.
  • Der Teleskopstapler hat sich allerdings ohnehin gerade in der Freileitung verheddert.
  • Der Mistanhänger ist notdürftig mit einem Holzstück abgestützt, daneben werden Enten gefüttert.
  • Altholz wird neben alten Ölfässern und dem Dieseltank verbrannt.
  • Ein Kind versucht gerade, seinen Ball aus dem Baum direkt unter der Oberleitung zu holen.
  • Ein weiteres Kind klettert freudiger Erwartung in den Güllebehälter.
  • Neben der Oberleitung wird das Stalldach ohne weitere Absicherung mit dem Kärcher abgespritzt.
  • Die Güllegrube am Stall ist nur notdürftig mit Brettern abgedeckt.
  • Das Stalltor ist offen, das erste Rind büxt schon aus. Wird die auf Leitern balancierenden Kollegen dann bald erfreuen.

Ein richtig gutes Lehrstück. Für den anspruchsvollen Modellbauer vielleicht etwas zu „primitiv“ geraten (allein der Maßstabs-Mix dürfte manchen Menschen Bauchgrimmen verursachen). Aber das Diorama erfüllt seinen Zweck, lockt die Leute an, bringt sie zum Nachdenken. Und, wohlgemerkt, es ist nicht nur der Strom, der hier tödliche Gefahr birgt.

Allerdings könnte bei Betrachtung auch der Traum vom „Urlaub auf dem Bauernhof“ mit der ganzen Familie schnell zum Alptraum geraten.

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