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Auf der Schwelle zur Gentrifizierung?

Lazarus gleich erhoben wir uns vom Krankenbett (Erkältung und Bronchitis, mal wieder), um in Dublin Recherche zu tun. Und siehe, der Weg führte uns kreuz und quer durch die Liberties. Die wohl langsam Abschied vom Begriff „Arbeiterviertel“ nehmen. Die Toskana-Fraktion trafen wir schon … im empfehlens-, aber nicht unbedingt preiswerten Green Door Market. Wo von mediterranem Eingelegten bis zu frischen Backwaren alles gehandelt wird, was man zum Lifestyle der aufstrebenden Mittelklasse braucht. Was aber das Proletariat sich nun nicht unbedingt vom Munde absparen mag.

Kulinarische Verführung im alten Arbeiterviertel.

Zugegeben, das frische Sauerteigbrot war nicht überteuer, ebenso rangierten die wirklich leckeren Törtchen bei mir unter „durchaus erschwinglich“ … aber trotz aller wirtschaftlicher Fährnisse kann man uns auch zur Mittelklasse zählen, denke ich. Und am Samstag mal in den Markt reinschlendern ist nicht mit dem Wocheneinkauf vergleichbar. Oder, wie Herself es so prägnant beim Gang durch die Gassen zusammenfasste: „Ist ja nicht ganz so übel, diese Gegend … aber wo kaufen die Leute eigentlich ein?“ Denn zwischen alten Blocks des sozialen Wohnungsbaus, Arbeitersiedlungen der (ehemaligen) Industrie und einigen offensichtlich etwas höherpreisigen Neubauten fehlten günstige Geschäfte dann schon irgendwie. Tante Emma regierte, und die nimmt es in Irland schamlos von den Lebenden.

Überhaupt sind die Liberties mittlerweile ein Kuriosum an sich – Verteilerkästen werden bunt gemacht, Brachland „regeneriert“, Alkoholiker treffen sich zum Morgenschoppen am Absperrzaun, Hundescheiße belegt das Trottoir wie nirgends sonst in Dublin, enge und verwinkelte Strassen erschweren die Orientierung, mal scheucht eine Dublinerin ihre vielköpfige Brut lautstark vor sich her, dann wieder schiebt eine offensichtlich besser situierte Nachbarin ihren Luxuskinderwagen vor sich her. Und mittendrin die Touristen, in Pferdekutschen oder im Doppeldecker, die meisten auf dem Weg zum heiligen Guinness-Gral. Einige auch mit den unvermeidlichen Rollkoffern im Schlepptau, der akustischen Vergewaltigung der Mitmenschen per se.

Welch einen Eindruck muss diese Ecke Dublin auf sie machen?

Sozialer Wohnungsbau mit wenig Akzenten … aber in Dublin dringend notwendig.

Von der Temple-Bar-Vollsause, den bunten Doors of Dublin und den romantisch-verklärten Irlandklischees sind wir hier weit entfernt. Nicht geographisch, aber in eigentlich jeder anderen Dimension. Selbst das Schönsaufen, das in Temple Bar zumindest bei Dunkelheit noch klappt, wird in den Liberties nicht gelingen. Auch wenn die alkoholischen Touristenattraktionen des Viertels (neben dem Guinness Storehouse ist die Teeling Distillery ein kleinerer Magnet) geradezu dazu einladen.

Fakt ist – in die Gegend kommen die meisten Leute nur auf dem Weg irgendwo anders hin. Was auch wieder kurios ist, denn die dicken Kathedralen Christ Church und Saint Patrick’s sind nur einen Steinwurf entfernt.

Im Schatten der St. Patrick’s Cathedral sanieren sich die Liberties langsam.

Die Liberties sind gross, nicht alle Ecken sind zur Sanierung oder gar Gentrifizierung wirklich geeignet, und Neubauprogramme scheitern oft, aus tausenderlei Gründen. Und wenn es der Protest der Anwohner ist. Die „alte Generation“ wegen Verteuerung, die Reingeschmeckten wegen „wir wollten es doch etwas romantisch behalten, und Sozialwohnungen kann man auch woanders bauen“.

Auf lange Frist wird wohl das Diktat der tieferen Tasche den Kurs bestimmen. Und wenn ich mir die Liberties heute so ansehe, dann geht von ihnen dieselbe Schwingung aus, die einige alte, heruntergekommene Stadtteile Londons in den späten 1970ern und dann mehr den 1980ern hatten. Stadtteile, in denen man heute seinen Tesla Roadster ruhig vor dem Haus parken kann. Oder in denen gigantische Prachtbauten für die fiktive Welt der Finanzkonzerne stehen.

Kurz vor dem Sprung …

Also, geneigter Leser, willst Du die Liberties noch einmal sehen, dann beeile Dich. Nimm Dir die Freiheit, auf ihren Strassen und Gassen zu flanieren. Denn wenn die Oliven- und Focaccia-Esser erst einmal die Anhänger des „Ham Sandwich, White Bread and Mayonnaise“ verdrängt haben, dann ist auch hier Schluss mit „Auld Dublin„.

Obwohl, die Eröffnung eines Nostalgie-Pubs durch Wetherspoon dürfte relativ schnell erfolgen. Gehört zur Gentrifizierung dazu wie Starbucks und Ökoladen. Und letzteren findet man schon, nämlich Dublin Food Co-op.